Und sie fürchteten sich sehr

Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht, siehe ich verkündige euch große Freude, denn euch ist heute der Heiland geboren. Lukas 2,10f

Pfarrer Ernest AhlfeldWarum fürchteten sich die Hirten? Sie  hatten Angst, weil der Engel des Herrn und die Klarheit des Herrn plötzlich in ihr Leben kamen. Ist das ein Grund zum Fürchten? Seltsamerweise ja, denn immer wieder kommt bei den Menschen, die in den Texten der Bibel  Gott begegnen Furcht auf. Selbst bei den Taten Jesu heißt es oft: „Sie fürchteten sich“ oder „sie ent­setzten sich“. Tief in uns Menschen ist die Furcht, die Angst zu Hause. Wo Gott auftaucht, wird dies erst richtig bewusst. Wir sind, wie es der Philosoph sagt „geworfene“, Menschen, die in dieser Welt von den Ereignissen, Geschehnissen und  unseren Gefühlen hin und her geworfen werden. Ohnmächtig  den Mächten  Krankheit und Tod, Sünde und Teufel ausgeliefert, leben wir ein lebensgefährliches Dasein.

Angst oder Furcht ist einerseits ein natürlicher Schutz, der uns vor Leichtsinn und Gefahr bewahrt. Aber zugleich ist es auch etwas, was unser Innerstes im Griff hat und  schnell zur alles beherrschen­den Größe wird. Die Furcht vor dem Unglück hat uns viele Siche­rungs­systeme erfinden lassen. So leben wir in Deutschland heute in einem der sichersten Staaten und Systeme der Erde. Trotzdem kön­nen all diese Sicherungssysteme von der Sozialgesetzgebung bis hin zu Alarmsystemen für jedweden Fall, nicht verhindern, dass am Ende doch wieder die Furcht ein­zieht. Unsere Systeme, die wir zum Schutz entworfen haben sind  Früchte unserer Angst. Viel davon sicher gute Früchte (Anschnallgurt/ Rentenversicherungen usw.), doch können uns alle Systeme die letzte Angst vor dem Ausgeliefertsein nicht nehmen, ja paradoxerweise sogar unsere Angst noch steigern. Denken wir nur an den Amokfehl­alarm in diesem Herbst an unseren Schulen. Da wurde Angst hervor­gerufen, obwohl gar nichts war, weil es durch unser Sicherungs­system so aussah, als ob was war. Kein System schützt uns vor der Angst.

Kehren wir zu den Hirten zurück. Die Hirten stehen da und er­schrec­ken, weil in ihre Hirtenwelt plötz­lich das Licht des Himmels kommt.

Sie spüren es, dass hier der Andere da ist. Sie spüren, dass sie und der lebendige Gott nicht zusammen­passen. Ihre Verlorenheit wird ihn­en so bewusst wie nie zuvor. In der Gegenwart Gottes verlieren all un­sere Sicherungssysteme ihre Be­deutung, hier steht der ohnmächti­ge und arme  Mensch vor dem un­fassbaren heiligen Gott. Das ist zum Fürchten.

Aber genau hier setzt Weihnachten ein. Da ist ein Gott, der unser Aus­geliefertsein beendet, der hinein­kommt in unsere Welt der Angst. Deshalb können die Engel es so sa­gen: „Fürchtet euch nicht, siehe ich verkündige euch große Freude, denn euch ist heute der Heiland geboren, wörtlich der Retter. Gott selbst überwindet das, was uns von ihm trennt. Gott selbst kommt in seinem Sohn Jesus auf die Welt, um einer Welt in Angst und Ver­lorenheit zu sagen: Du bist nicht verloren, weil ich da bin, weil ich Dich rette. Da wird aus der Angst  der Hirten Staunen und aus dem Staunen dann ein Suchen, ein Su­chen nach dem Kind Jesus. Aus dem Suchen aber wird ein Finden und aus dem Finden dann ein Weitersagen und ein Loben und ein Preisen, ein Gehaltensein in aller Haltlosigkeit des Lebens. Diese Be­wegung gibt es bis heute überall dort, wo Menschen in Jesus Chris­tus den lebendigen Gott ent­deck­en.

Weihnachten ist nicht das Fest, wo schon alle Welt ohne Schmerz und Not ist, aber es ist das Fest, an dem Gott in unser Leben und un­sere Welt hineingekommen ist. Er sagt uns zu: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden!“ Damit gehen wir aber weit über die Weih­nachtstage hinaus zu Karfreitag und Ostern, wo die Schuld des Menschen und die Macht des Todes durch Jesus überwunden werden.

Doch schon beim Kind in der Krippe ist Frieden: Frieden für unser ängst­liches Herz, Frieden für eine friedlose Welt. Und von Jesus geh­en seither unzählige Friedens­im­pulse aus, die die Welt durch­zieh­en, allem Tod, Schrecken, Gewalt, Krankheit und Sünde zum Trotz. Das ist, was mich froh macht und immer wieder zu diesem Herrn in Bewegung bringt. Im Lied gesagt:

Mit den Hirten will ich gehen,
meinen Heiland zu besehen,
meinen lieben heilgen Christ,
der für mich geboren ist.

Möge ER auch für Sie in diesen Weihnachtstagen Haltepunkt und Friedensbringer in allem Unfrieden sein. So dass sie am Weihnachts­abend auch die letzte Strophe dies­es Weihnachtsliedes singen könn­en:

Mit dir selber mein Befreier,
will ich halten Weihnachtsfeier.
Komm, ach komm ins Herz hinein,
lass es deine Krippe sein.

Dann ist es richtig Weihnachten ge­worden. Fröhliche und gesegnete Ad­vents- und Weihnachtstage wünscht Ihnen Ihr Pfarrer
Ernest Ahlfeld