Neues aus der Diakonie Zieglersche Anstalten Suchtkrankenhilfe e.V.
"Kirche am Weg" eingeweiht
Wilhelmsdorf hat eine neue Kirche! Die "Kirche am
Weg" des Fachkrankenhauses Ringgenhof wurde am 21. Juni 2003 im Rahmen des
Jahresfestes von Landesbischof Dr. Gerhard Maier eingeweiht. Den Leitspruch der Kirche
nahm Dr. Maier in seiner Predigt auf: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben;
niemand kommt zum Vater denn durch mich." Mit Humor wies der Landesbischof darauf
hin, dass dies seine erste Kircheneinweihung in seiner Amtszeit ist! Die neue Kirche wurde
durch Spendenmittel des Förderkreises Ringgenhof/Höchsten erbaut. Die neuen
Liederbücher für die Kirche wurden von der Brüdergemeinde gespendet und der Leitung des
Ringgenhofes übergeben. Die Kirche ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Einmal in der
Woche findet eine Mittagsandacht in der Kapelle statt. Jeweils Donnerstags, um 13.30 Uhr.
Dazu wird herzlich eingeladen! Erhältlich ist im Ringgenhof ebenfalls eine Denkschrift
zur Kirche.
09/2003
„Kirche am Weg“, ein
neues Projekt für jugendliche Drogenabhängige, über 700 suchtkranke Menschen pro Jahr
in Wilhelmsdorf! Mehr über „Neues aus der Diakonie“ erfahren Sie dieses mal im
Gespräch mit Ilse Hellmann, Diplom-Psychologin und fachliche Geschäftsführerin der
Suchtkrankenhilfe, Fachkrankenhäuser Ringgenhof und Höchsten. Seit 1986 ist sie in der
Suchtarbeit tätig. Seit 2001 leitet sie zusammen mit ihrem kaufmännischen Kollegen die
beiden Kliniken. Frau Hellmann wohnt mit Ihrer Familie in Wilhelmsdorf.
Im Gespräch: Frau Hellmann
Mipu (Mittelpunkt): Frau
Hellmann, Sie haben 1986 mit der Arbeit unter alkoholkranken Menschen angefangen. Würden
Sie diese Berufswahl heute noch mal treffen?
Auf jeden Fall. Die Erfahrung, dass jeder
Mensch seine eigene Lebensgeschichte mitbringt und die mit verursachend ist für die
Erkrankung ist für mich immer noch genauso beeindruckend, wie die Einblicke, die wir in
diese vielen, individuellen Lebensgeschichten bekommen. Das Vertrauen, das einem
entgegengebracht wird, die Bereitschaft etwas an sich zu verändern, die bei einem
suchtmittelabhängigen Menschen einfach da ist: das ist für mich nach wie vor
faszinierend.
Mipu: Christliche Werte
wollen Sie in den Kliniken vermitteln. Wäre die Arbeit nicht leichter, ohne solche
Wertevermittlung?
Natürlich! Kurzfristig auf jeden Fall. Aber die Frage ist doch, was
die Menschen langfristig brauchen. Und unser Anspruch ist, dass wir nicht nur kurzfristig
Abstinenz erreichen wollen. Vielmehr möchten wir, dass die Menschen dauerhaft zufrieden
leben können. Sich mit Sinnfragen des Lebens zu beschäftigen, und einen eigenen
Standpunkt dazu zu haben, ist eine Bereicherung für das Leben.
Mipu: Wenn man als
Besucher kommt, merkt man schnell, dass hier alle möglichen Religionen vertreten sind.
Ist diese Mischung nicht schwierig hinsichtlich christlicher Wertevermittlung?
Es ist
schwierig, aber es ist auch eine Bereicherung. Man muss sich hier auseinandersetzen. Hier
kann keiner seine Vorurteile hegen und pflegen. Man ist mehr oder weniger gezwungen, dazu
Stellung zu beziehen. Wichtig ist eben, dass man fair bleibt. Dass man Toleranz hat und
trotzdem für sich eine klare Haltung behält.
Mipu: Woran merken die
Patienten, dass sie es bei den Mitarbeitern der Kliniken mit Christen zu tun haben?
Unser
Ansatz ist ja nicht, dass wir irgendwie predigen oder große Worte machen wollen. Wir
versuchen, einerseits christliche Werte in unserer Haltung auszudrücken. Also wie wir mit
Menschen umgehen. Wertschätzung und echtes Interesse möchten wir ihnen entgegenbringen.
Nichts aufgesetztes, keine therapeutische Masche! Und dann machen wir andererseits unseren
Patienten natürlich Angebote wie regelmäßige Gottesdienste, LO (Lebensorientierung),
jeden Morgen eine kurze Andacht usw. Und dann können Patienten es gleichzeitig an uns
überprüfen, ob wir uns auch selber dementsprechend verhalten. Für mich persönlich ist
es sehr wichtig, zu wissen, dass ich die ganze Arbeit hier am Ringgenhof und Höchsten
immer und immer wieder Gott abgeben kann. Dass ich nicht alleine dafür verantwortlich
bin.
Mipu: Können Sie
einem Außenstehenden mal so einen typischen Patienten schildern.
Typische Patienten gibt es immer weniger. Was man sicher sagen
kann: die Menschen, die hier in unseren Häusern stationär sind, haben häufig sehr lange
Suchtkarrieren hinter sich. Oft über 10 Jahre massive Sucht. Hoher Leidensdruck, immer
wieder der Veränderungsversuch und das Scheitern dabei. Viele hier sind an ihrem
Tiefpunkt angelangt. Die Zahl der Arbeitslosen nimmt zu. Mehr als die Hälfte unserer
Patienten sind in der Zwischenzeit arbeitslos. Häufig funktioniert auch das soziale
Unterstützungssystem nicht mehr. Also: die Ehe ist gefährdet. Sehr stark zugenommen hat
die Anzahl der Abhängigen, die keinen Partner mehr haben.
Mipu: Das heißt,
Sie haben an vielen Fronten zu kämpfen. Und dann geht der Patient geheilt von dannen.
Es
ist eine riesige Herausforderung, die Suchtarbeit auf die richtigen Probleme zu
zentrieren. Das Spektrum ist so groß, dass man sich nur noch konzentrieren kann auf das
Wesentliche. Entscheidendes Problem ist natürlich die Sucht und die Wiederherstellung und
Sicherung der Erwerbsfähigkeit der Patientinnen und Patienten. Neben Psychotherapie ist
deshalb der Schwerpunkt unserer Arbeit auch die Arbeitstherapie, um die Menschen zu
befähigen, dass Sie im Arbeitsprozess wieder funktionieren können. Viele andere Probleme
müssen dann ambulant weiter bearbeitet werden. Deshalb dauert es manchmal auch Jahre, bis
alle Probleme „beseitigt“ sind. Wir sind ein Glied in einer langen
Behandlungskette.
Büro mit Moorblick
Mipu: Gibt es
Erwartungen an die örtliche Kirchengemeinden von Seiten der Patienten oder der
Mitarbeiter?
Ein großes Stück sucht man natürlich als Mitarbeiter in der Gemeinde
Heimat. Eingebettet zu sein in einen größeren Horizont. Zurüstung zu bekommen. Einen
Ort zu finden, wo man auftanken kann. Für die Patienten ist es wichtig, hier in
Wilhelmsdorf ein Modell zu erleben: wie sind Mitarbeiter in die Gemeinschaft der Christen
integriert. Wie leben sie ihren Glauben im Alltag, in der Gemeinde. Viele sind dann nicht
schlecht beeindruckt, wenn sie hier im Gottesdienst sehen, wie Gemeinde lebendig ist trotz
der Unterschiedlichkeit der Gottesdienstbesucher. Und von diesen Eindrücken nimmt man
dann wiederum etwas mit in die Heimatgemeinden. Das wird uns häufig von Patienten
zurückgemeldet.
Mipu: Geben Sie
uns einen Überblick über wesentliche Daten, Fakten, Zahlen aus dem Klinikleben.
Der
Durchlauf unserer Patienten hat sich sehr erhöht weil sich die Behandlungsdauer verkürzt
hat (16 Wochen). Auf dem Ringgenhof betreuen wir über 400 Patienten pro Jahr. Dort haben
wir 130 Plätze. Auf dem Höchsten sind pro Jahr ca. 300 Patientinnen. 80 Plätze stehen
dort zu Verfügung. Wir erfahren von ungefähr 30 Prozent der Patienten, wie die Abstinenz
verläuft. Von diesem Feedback können wir sagen, das mindestens 60 - 70 Prozent die
Abstinenz schaffen.
Mipu: Nehmen Sie uns
kurz mit in das Klinikleben eines Patienten.
Zunächst durchläuft man hier eine
Basistherapiezeit. Diese ist ganz stark der Sucht gewidmet. Die Patienten beschäftigen
sich intensiv mit ihrer persönlichen Suchtgeschichte. Es gibt Umstufungen. Da müssen die
Patienten vor einer gewissen Öffentlichkeit Stellung nehmen zu ihrer Sucht. Sie müssen
lernen, zu ihrer Sucht zu stehen. Nichts mehr zu bagatellisieren. Dazu braucht es
Unterricht, Gruppen- und Einzeltherapie. Es gibt viel Arbeitstherapie: Schreinerei,
Gärtnerei, die große Landwirtschaft. Hier wollen wir vermitteln, dass Arbeit etwas
Sinnstiftendes ist. Dabei sind wir nicht nur problemorientiert sondern versuchen auch die
Ressourcen im Einzelnen zu entdecken. Ihnen Mut zu machen und den Rücken zu stärken,
Zuversicht zu vermitteln. Sport hat natürlich auch eine große Bedeutung,
damit die Patienten wieder fit werden, kreativ
sein können, Hobbies entdecken usw.
Mipu: Wie sieht denn der
Ringgenhof in 10 Jahren aus? Darf man etwas über ihre Betriebsgeheimnisse erfahren?
Das
Behandlungsspektrum differenziert sich noch mehr aus. Man spricht von s.g.
Therapiebausteinen. Und wir gehen davon aus, dass wir neben dem stationären Standbein
auch noch andere Bereiche brauchen: ambulante Angebote, tagesklinische Angebote. Wir
müssen den einzelnen Bedürfnissen und Notwendigkeiten noch besser entsprechen können.
Nachbehandlung ist natürlich auch ein wichtiges Stichwort. Adaptionsangebote haben wir
schon für Frauen. Die Frage ist, ob das nicht für Männer auch sinnvoll wäre! Darüber
hinaus möchten wir gerne für jugendliche Drogenabhängige ein Angebot machen. Auch für
essgestörte junge Menschen. Unter Jugendlichen findet die Suchterkrankung heute immer
früher statt. Sowohl was illegale Drogen, aber auch was legale Drogen (Alkohol,
Medikamente usw.) betrifft. Wir merken jetzt, dass unser Klientel immer jünger wird. Und
gleichzeitig ist klar, dass die ganz jungen, von 14 bis 20 nicht in unserer gegenwärtiges
Konzept am Ringgenhof und Höchsten reinpassen. Deshalb muss ein weiteres Angebot
geschaffen werden. Das werden wir nicht alleine schaffen, sondern in Kooperation mit dem
ZFP und dem Martinshaus Kleintobel. Die bringen eben auch ihre pädagogischen und
psychiatrischen Kompetenzen mit ein. Die Standortfrage ist noch nicht endgültig geklärt.
Wetterfest: „Kirche am Weg“
Mipu: Sagen Sie ein
Wort zum Sonntag über die Ringgenhof-Kapelle „Kirche am Weg“.
Das ist natürlich
eine spannende Frage für uns gewesen. Brauchen wir wirklich so eine Kapelle? Aber die
Initiative ging klar vom (Freundes- und) Förderkreis aus, der auch den Kirchenbau
überwiegend finanziert. Unsere ehemaligen Patienten haben sich das schon sehr lange
gewünscht. Auch in Anlehnung an den Höchsten, der ja eine eigene Kapelle hat. Der Wunsch
der Patienten ist eben, dass ein Ort entsteht, wo man sich zurückziehen kann.
Innenansichten der neuen Kapelle!
An dem man sich mit
Glaubensfragen auseinandersetzen kann. Wir möchten auch nach außen hin dokumentieren,
dass die Kirche für uns
etwas ganz Zentrales ist,
in der Hinsicht, dass die geistliche Dimension für die Heilung und die zufriedene
Abstinenz wichtig ist. Und das möchten wir durch diesen Raum dokumentieren. Das ist also
auch ein symbolischer Ort. In der Kapelle auf dem Höchsten liegt ja ein Gästebuch aus.
Wenn man da rein schaut, ist es interessant, festzustellen: viele ehemalige Patientinnen
kommen als Besucher wieder – aber nicht unbedingt zu den Therapeuten sondern vor
allem in die Kapelle! Eine Stunde in der Kapelle erleben. Ihren persönlichen
Abstinenz-Jahrestag dort feiern – das ist ein Ort, an dem der Neuanfang symbolisiert
wird. Die Möglichkeit, dort Danke zu sagen. Das wünschen wir uns auch von der Kapelle:
dass Männer wieder zurückkommen, sich erinnern, an schmerzliche und gute Stunden. Aber
auch an entscheidende Stunden des Lebens und darüber Dank sagen können und ein inneres
Fest in der „Kirche am Weg“ feiern können.
Vielen Dank für das Gespräch!
2/2003
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